Das achte Kapitel.
Der Superintendent war doch in einer gewissen Erregung. Der „geniale“ Streich der Gräfin hatte ihn etwas verletzt, trotzdem sie es seitdem wieder gut zu machen versuchte, die Frau Superintendentin in ihrem eignen Wagen mitnahm.
Man sprach viel von dem Fremden. Die Baronin hatte überall von dem Odschein erzählt. Man brachte das Neuaufblühen des Socialismus mit ihm in Verbindung. Zeitungen, die der Kirche übelwollten, erzählten kleine Anekdoten. Ein wissenschaftlicher Aufsatz behandelte die Frage ganz ernsthaft, er war von einem modernen Schriftsteller verfasst, der sich bis dahin hauptsächlich mit Ehebruchsdramen und Erotik beschäftigt hatte, nun alles Heil im Mysticismus sah. Unter den schönen Seelen der Stadt bestand eine ge[pg 134]wisse Erregung. Ein junger Hülfsprediger wurde sehr populär. „Er ist so tief,“ sagten diese Damen. Unglücklicher Weise bildeten diese Damen eine Macht. Es wurmte den alten Herrn, dass sie ihn für „nüchtern und protestantisch“ hielten. Niemand sieht seine Kirche gern leer.
Er hatte natürlich zunächst an eine Denunciation nach oben gedacht, das war wohl seine Pflicht eigentlich. Aber ein zweischneidiges Mittel. Man konnte finden, dass er eine Schwindelaffaire zu sehr aufbauschte. Andrerseits hielt man es wohl gar für Eifersucht, die Pfaffen kriegten es mit der Angst. Ein jovialer Reitergeneral, Durchlaucht, hatte ihn schon gefragt: „Was würden Sie jetzt mit dem neuen Christus machen? Da können Sie einpacken, Pasterchen!“ Er durfte sich solche Jovialitäten erlauben. Dafür wurde der Superintendent immer eingeladen. Er war Burgpfaffe bei den Herren Offizieren.
Dann die katholische Concurrenz – die rührte sich nicht. Man wusste ja, da war Alles Mysterium. Es gab geheime Winke von oben. Vielleicht war ihnen die Geschichte nicht unangenehm. Sie hatten ja zum Schluss immer den Vortheil, weil sie abwarten und schweigen durften. Schweigen [pg 135]und abwarten dürfen war eine grosse Sache. Das ist der Vortheil der alten historischen Gewalten; man, als Parvenü, musste auf dem Posten sein, Schritt halten, die Vereinigung mit der Wissenschaft nicht fallen lassen.
Die Wissenschaft hatte dem geistlichen Herrn schon manche schwere Stunde bereitet. Es war eine Universität in der Stadt, dadurch beständige Kabbeleien. Die Herren passten Einem auf die Finger. Von Hölle und persönlichem Teufel durfte man schon gar nicht reden; obgleich diese Dinge für die Plebs noch immer zogen. Dann waren die schönen Seelen, die Einen nüchtern fanden, zur Weihnachts- und Ostermesse in den Dom liefen oder mit mystisch angehauchten Hülfsgeistlichen Conventikel abhielten.
Der Superintendent war ein geplagter Mann.
Uebrigens grollte die Superintendentin. Sie fand, dass er als Mann dem Unfug mit einem Schlag ein Ende machen musste. Die Superintendentin appellirte oft an den Mann. Sie selbst war ein Charakter. Dann hatte man die Sanitätsräthin über sie placirt; so gut wie die Sanitätsräthin war sie allemal. Der Sanitätsrath war ein Cyniker. Das Interessanteste an Tolstoi wäre seine Diät, [pg 136]sagte er. Er erlaubte sich dann sogar Anspielungen auf die gar nicht Tolstoi’sche Diät in der Superintendentur. – Man hatte etwas auszustehen als Mann Gottes in diesem ungläubigen Jahrhundert.
Und oft dachte der Superintendent mit Seufzen an die Zeiten, als noch ein kirchlicher Fingerzeig genügt hatte, um Unbefugte auf den Scheiterhaufen zu schicken, Calvin über dem fröhlichen Genf seine Ruthe schwang.
Der saubereingebundne Band seiner Predigten 1897–1900 tröstete ihn dann. Ein Geschenk der Frau Superintendentin. Sie hatte sie selbst nachgeschrieben. – So hatte doch auch der Fortschritt, selbst die Buchdruckerkunst, diese Teufelserfindung, sein Gutes.