Der Superintendent hatte den Fremden zu einer Besprechung zu sich eingeladen. Die Einladung war in ganz höflichen Worten erfolgt. Erstens, die christliche Milde auch gegen den irrenden Bruder, dann existirte ja auch eine geistliche Gerichtsbarkeit, die vorfordern konnte, nicht mehr.

Er erklärte sich die Sache so: Ein ungebildeter Mann, ein Handwerker – der Superintendent betonte das „ungebildet“ –, von Mysticismus, sitzender Lebensweise angekränkelt, hatte sich in [pg 137]diese Dinge vertieft. Voraussichtlich würde er ihm lange confuse Reden halten, von einer Mission, Erscheinungen. Man kannte das, und seine Wirkung auf das ungebildete Volk. Gerade weil ihnen das Alltägliche nicht gut genug war, sie das Ruhige und Vernünftige nicht thun wollten, liefen sie nach dem Wunderbaren. Der Hirte kannte seine Heerde.

Man würde mit diesem Manne vernünftig sprechen, seine Absurditäten nachweisen, selbst wenn man ihn nicht überzeugte. Heilsarmee, tausendjährige Reichsgeschichten waren ja Mode jetzt. Dieser Hang hatte ihm schon viel Sorge gemacht. Er witterte die alte Hure von Rom, das babylonische Weib, das von Neuem seine Netze auswarf. Und man musste so vorsichtig sein wegen der Behörden, durfte das Unkraut nicht ausjäten.

Der Superintendent hatte sich zu dieser Besprechung noch einen Confrater eingeladen, der Consistorialrath war, Professor an der theologischen Fakultät, Kirchenhistoriker. Man war so zu Zweien, stärkte sich vorher weidlich an gutem Tabak und bessrem Wein und konnte die möglichen Ergebnisse gleich erörtern, während die Frau Superintendentin mit der Consistorialräthin [pg 138]Kaffee trank. Dabei hatte man dann auch allerlei interessante Fälle und Ketzereien zu erörtern.

Der Superintendent war dafür, den Fremden nicht gleich vor den Kopf zu stossen, ihn im Gegentheil leutselig, als gewissermaassen zum Fach gehörig, zu behandeln.

„Es ist ja auch möglich, dass ein Laie durch Nachdenken, besondre Gnade, ungewöhnliche Einsicht in göttliche Dinge erlangt und Beherzigenswerthes von sich giebt. Der Fall wäre denkbar. Ich kannte einen Schuster, der über die Gnadenwege und Melchisedek, den König von Salem, stritt wie der gewiegteste Theologe.“

Der Confrater schüttelte lächelnd den Kopf: „Wir haben das Beispiel der Wiedertäufer, der Methodisten in England. Die theologisch geschulte Intelligenz fehlt, das Reguläre, Feste, darum Lebensfähige.“

„Aber es waren doch in den Irrthümern dieser Leute – allerdings gleich Körnern in der Spreu verborgen – auch einige unbestreitbare evangelische Wahrheiten enthalten.“

„Das ist eine gefährliche Ansicht. Jesuitisch – so gewissermaassen: der Zweck heiligt das Mittel, lieber Bruder.“

Dieser Herr war bekannt dafür, dass er die feinste Nase in Deutschland hatte, um die Jesuiten zu riechen. Das war sein rother Lappen, auf den er überall losging, ihn überall herausfand, wie der Spürhund die Fährte. „Hat uns nicht Martinus von dem Aberglauben befreit? Und sagt nicht der Herr selbst: Ihr, die Ihr Zeichen und Wunder sehen wollt ...“ Der Confrater hob warnend den Finger.