„Ich kenne es nicht,“ sagte der Fremde.
Der Superintendent war roth geworden wie ein Mohnkopf. „Aber – aber – das ist die [pg 142]Hauptsache. Das ist Christenthum, die geheiligte Norm, für die unsre Väter, die erste Christenheit gelitten und gestritten haben. Das Andre ist leere Phantastik, giebt der weitesten Irrung Spielraum, der Regellosigkeit.“
„Es giebt das Leben.“
„Welch’ ein Irrthum! Welch’ ein verhängnissvoller und weittragender Irrthum!“ rief der Superintendent warm. „Es wäre ja denkbar, dass ein Mensch, der ganz ausserhalb der christlichen Heilssphäre stände, den Namen Christi nie gehört hat, auf rein deduktivem, moralphilosophischem Wege zu einer der christlichen durchaus ähnlichen Ethik gekommen wäre, wenn hier eben blos die Ethik das Entscheidende wäre. Denken Sie, dass das ganz denkbar sein könnte?“
„Es ist denkbar,“ sagte der Fremde.
„Stoiker,“ nickte der Confrater. „Griechische Philosophen der nachplatonischen Schule! Das sind die Argumente, die schon die französische Revolution gebrauchte.“
„Sie würden doch nicht sagen, dass ein solcher Mensch ein Christ wäre, mit uns Theil hätte an der Erlösung durch den Leib des Herrn?“
„Ich würde es sagen.“
„Und wie wird er dastehen im nächsten Leben, wenn Christus die Seinen um sich versammelt, die im Blut des Lammes Gewaschenen, auf seinen Namen Getauften eingehen, und die Andern abgetheilt werden zur Linken?“ Der Superintendent wischte sich den Schweiss. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen.
„Ich weiss es nicht.“