Ueber die Städte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Läden vor und zogen sich die Nachtmützen tiefer über die Ohren: Es ist Sturm draussen und gut, dass wir nicht im Freien sind. – Wo er Einen fand, der draussen war, schüttelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kältete ihn durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und ein Feind der Menschen.
Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war dicht verhüllt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der Regelmässigkeit schöner, geübter Edelthiere. [pg 200]Der Sturm versuchte ihm den Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er hüllte sich nur noch dichter hinein. Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in einiger Entfernung.
Der Reiter hörte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind sang.
Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer – dann der Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm. Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen König unter den Menschen, dem Gewaltigen!
... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken läuteten. Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tüchern. Weissgekleidete Mädchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer. – Der Hermelin [pg 201]hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, wie die Schlange, die den Weltkreis hält, funkelnd im Schmuck der Edelgesteine – des Rubins, der das Blut ist, Topase, köstlicher als Gold, der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde grüne Augen der Edelkatze. – Und er war es, der gross und reich war, der König war.
Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der Mitternacht hörte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt und ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte.
Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht.
Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen, surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte nach seinem Röhren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem vibrirenden Resonnanzboden einer Violine.
„Es ist Sturmwind und sehr finster,“ sagte der schwarze Reiter. „Ich bin zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen über Dinge, die gefährlich sind zu nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, diese Nacht!“
„Es giebt einen Morgen,“ sagte der Fremde. „Das Licht wird sehr hell kommen. Wir werden Morgen haben bald.“