Der Fremde drückte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Länge, die tausendjährige Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und fällt. Der Hund hielt die Wache neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die Vorderpfoten nebeneinander ge[pg 221]stellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen auf alten Grabmälern.

Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel hüpfte und beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz.

Niemals wieder im Zauberwald hörte man die Klage der weissen Frau.


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Das dreizehnte Kapitel.

Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: „Dein Freund ist todt. Er hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden ihn begraben und unter die Erde senken müssen. Die Würmer werden ihn zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass von ihm nichts übrig bleibt. Pilze und lange Gräser werden wachsen aus seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden kriechen in der Höhle seines Mundes, der lieblich tönte von holdseliger Rede, weil er lebte. [pg 223]Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses Unglück ist es für Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt.“

Dies Alles hörte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging sehr eilig, dass er den Todten noch sähe auf seiner Bahre, die Hand auf sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge.

Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und halfen ihr ihre Thränen trocknen. Während sie laut die Tugenden des Todten rühmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und Zuverlässigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Hälfte seines Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem Häuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte.

So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage und Nächte nicht abgenommen, während er krank lag. Ihre Augen waren geröthet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jämmerlich und hülflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich nicht trösten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie hatte nur diesen und würde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Töchter konnten in die Ferne ziehen als Mägde. Manchmal würden ihr die Nachbarn eine Unterstützung bringen als einer Bettlerin und Ueberlästigen. Sie würde an der Thür stehen, wo sie früher als Herrin gewaltet, ärmlich sitzen, wo sie im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn.