Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getränke, Wecken und Kuchen für die Leidtragenden, während die Männer Bier aus Krügen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tüchtig darin. Ihre Wecken und Kuchen waren berühmt im Dorfe. Das Bier, das sie selbst braute, [pg 225]schmeckte kräftig und süss, wie irgend ein gekauftes. Alle assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Führung des Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, füllte die Tassen und Krüge, schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schläge auf ihre kleinen Röckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr tüchtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich vornahm, sie als Haushälterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder fehlte, sie wegzugeben.
Maria aber, die andre Schwester, sass zu Häupten des Todten in dem kleinen Verschlag nebenan. Sie hatte einen blühenden Kirschenzweig abgebrochen und wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte [pg 226]sie sie sacht hinweg mit ihrem blühenden Zweig, ohne sie zu tödten, dass sie aufflog und summend gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflückt, ganze Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf einem lichten Frühlingsanger lag der Todte, weil er jung war, wohlgewachsen und schön vor andern Jünglingen.
Martha schalt über das unnöthige Heu, das die Kühe fressen könnten. Sie fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der Bedienung der Gäste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, während sie vor sich hinsang.
Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr Vorwürfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Vögel schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand. Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz genommen und heimlich zurückgetragen in’s Wasser. Martha hatte gezankt, ihre Hand geschlagen. Sie fand, [pg 227]dass sie unnütz war und träge in der Arbeit. Obgleich sie sehr schön war, höchst lieblich anzusehen, fragte sie nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen wären, unter ihren Fenstern von Liebe zu schwätzen, auch wohl ihre Armuth übersehen hätten um ihrer grossen Schönheit willen. Ihre Schönheit war wie die einer Königin, nicht eines Bauernmädchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging, liefen die Kinder ihr nach, die Kühe kamen mit breiten, weissen Stirnen, sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte, dass in ihrer Hand Heilkraft wäre, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte, schlugen an und blühten. Ihre Lieder schläferten ein trotziges Kind ein. Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde einfach, Lilien auf dem Felde, die blühen in ihrer stillen Pracht, und kleine Vöglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth.
Sie sass und störte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war gar nicht traurig. Ihr schönes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine Herdröthe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob, scheltend, [pg 228]zählend, weinend wieder zwischendurch über den Bruder, der fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei Zeiten. Er hätte ihm ein Heilmittel geben können, wenigstens doch Trost spenden an seinem Bett, eine Hülfe sein den geplagten Frauen.
Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begräbnisses war nahe. Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hörte das Klagen der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzählten, die Kinder spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Ställen brüllte das Vieh, das man vergessen hatte über dem Trubel, vor seinen Krippen.
Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stürzte sich sofort auf ihn und erzählte die näheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und drängten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun würde. Einige dachten auch, er hätte ihm helfen können: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten konnte, den er lieb hatte? Die [pg 229]Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt ist die Gelegenheit für ihn. Wir müssen sehen, was er thut. Sie waren ganz bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natürlich nicht zugaben, dass so etwas möglich wäre. Es war eine Aufregung in der ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn.
Er sprach: „Führt mich zu ihm!“
Martha führte ihn in den Verschlag. Alle drängten nach durch die niedrige Thür. Aber er hiess sie die Thüre schliessen.
So schloss sie die Thür. Draussen warteten die Andern. Nur die alte Frau fuhr fort laut zu wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber ihm nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben gewesen, der Trost ihres hülflosen Alters.