Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke – was man vielleicht nur gehört, gesehen hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu mässigen.
Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche mit ihr! Ich frage und sie antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge mich wert machen, dass es die rechte Schrift sei!
Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.
Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es geht nicht anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage.
Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse!
Auch Mathilde war im Salon. Sie sprach mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna!
Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig, hat ihre Partei.
Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen.
Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen sah mich halb erschrocken an, welche böse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt, seit ich Dich habe!
Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige Thränen einer süssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl öfters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt?