Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, mehr von der psychologischen als von der persönlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit.

Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich, kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J.

Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem Astrachan, glühendrot.

Diesmal küsste ich sie natürlich.

Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst [pg 38]halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ... Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen, leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher.

Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“

Ich beruhigte sie: Eine Etage höher wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer hingehen können, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist verschwiegen wie das Grab.

Sie hatte über das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher.

Dann die moralischen Garantien.

„Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen bin?“ (in Parenthese – hast Du schon jemals eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trägt Jägerwäsche und philosophiert im Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen habe – und es ist so schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist.“