Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse sie ins Ohrläppchen.

Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner, [pg 40]rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton.

Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen, unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!

Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt: „Ich liebe Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! Du bist der einzigste, himmlischste Mann, den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.

Dazu kein lautes Wort, keine hässliche Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr Ästhetiker dazu.

Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar.

Dann wird sie Meister und ich demütiger Schüler. Ich staune, was der Balg weiss. Und woher weiss sie es?

Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“

Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten, am Schlüsselloch Erlauschtes, eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzählte mir eine Geschichte von einer Bekannten, einer vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, [pg 42]die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, während er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen, perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.

Dann hat man Brüder, Vettern ... Der „Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen. Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen Übergangsstadien, éclaireur-Dienste, Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte. Sie hat Angst [pg 43]vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist er überall mal dagewesen. Du magst noch so früh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir das als Axiom.