[pg 47]

Fünfter Brief.

Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.

Weisst Du, dass ich manchmal förmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt, als müsste ich Dich bekehren.

Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest glauben und niederknieen wie ich.

Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. Wenn er erst männlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach, eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen Beschluss.

Ich habe jetzt auch den Bruder kennen [pg 48]gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimütig gestand, etwas über die Stränge geschlagen hat.

Natürlich stellte ich ihm für vorkommende Fälle meinen Kredit zur Verfügung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder ihres Bruders?

Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur leere Phrase sein soll.

Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen Liebhabereien des [pg 49]Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements für Gesellschaften. Sie schmückt dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören, denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.