Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen wären, liessen wir sie das ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politi[pg 88]schen Krimskrams in den Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemütlich auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer stärkeren Schenkel.
Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So’n kleines, zappeliges Füsschen, so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen .. Simson lässt sich die Locken abschneiden. Die schönste Berechnung geht zum Teufel.
Sowas passiert denen nicht.
Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra in der Beziehung.
Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit, dass sie einem Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager ihr neulich an der Kurfürstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei [pg 89]lügt sie künstlerisch, mit Genuss, ganz unnötig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das Lügen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache.
„Und im Notfall könntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was.“
Nein, wir haben wirklich nichts.
.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!“ ...
Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von Leidenschaft in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit an sie heran, würde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das ginge ihr so glatt von der Zunge! [pg 90]und wenn sie ein Übriges dazu thun und mich aus der Welt schaffen könnte, würde sie es ebenso kaltblütig thun.
Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die rührendsten Affären daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau Marthe geworden und hätte an „Heinrich! mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung mit fortgetragen, eine behagliche Rührung, dass sie ihre Jugend so gut genossen.