Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft, die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen [pg 91]braven Ehemann, den sie betrogen, das imponiert ihnen.

Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert, darüber können sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar mit einem Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmädel, das ein Kind kriegt und ins Elend gerät. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.

Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht.

Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die käufliche Liebe aus. Das bereut man nicht.

Es liegt auch da eine Naivität der Männer zu Grunde oder ihre Arroganz. Der Lendemain ist sprichwörtlich geworden. Der Wüst[pg 92]ling hat das doppelt angenehme Gefühl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.

Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser „guter Mädchen“ („gut“ ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben.

Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Mädchen. Sie hatte auch die Angst vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.

Und dann war’s wirklich Morgen und der allerschönste Sonnenschein und Vogeljubilieren – und sie lachte, lachte übers ganze Gesicht: „Ich bin so froh, Schatz! Ich glaub’, ich könnte fliegen!“

So müsste Eine natürlich empfinden.

Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, „die [pg 93]Geschichte eines Mädchens“. Das rührte mich fast. Die Arme! Sie hat gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war.