Unter einer breiten Linde, in deren Laub es sommerlich summte, rastete die Schar.
Der Longinus Spucht lehnte das Notburgisfähnlein an den Baum und setzte sich auf eine Wurzel. Er hatte himmelblaue Hosen an und rote Strümpfe, er starrte auf die brennenden Waden und dachte zurück an die wilden Nächte am Lusen, während sein Weib am nahen Feld viereckigen Klee suchte, daß sie Glück habe.
Die Kirchfahrer holten ihr Brot hervor, schmierten Schmalz darauf oder häuteten eine Wurst. Die Mütter zöpften die Dirnlein, die sich das Haar an den Stauden zerrauft hatten.
Die Ulla fand ein paar Silberdisteln, sie schnitt den fleischigen Boden davon ab und aß ihn. »Das ist kein schlechtes Obst,« dachte sie.
Sie strich wunderlich erregt in der Nähe der Raststatt herum. Sie fing einen bunten Weinfalter, der gar nicht scheu war und der Menschen Arglist nicht ahnte, und tat ihn in ein Schächtlein; sie zupfte Dornblumen ab und zierte sich den verrunzelten Kopf. Und als sie eine dichte Staude auseinander bog, erschrak sie bis ins innerste Herz: da lag verborgen der Marterheiland, kraftlos niedergesunken an der Geißelsäule, ein grauer Stein. Und halblaut sang die Uralte:
»Unser Herrgott liegt im Moos
gepeinigt und zerschunden,
zählt die fünf bittern Wunden,
und sein Schmerz ist groß.
Kann nit sitzen, kann nit stehn,
kann nit auf und weiter gehn,
liegt in Dorn und Schleh,
die fünf Wunden tun ihm weh.«
Hernach ließ sie die Staude wieder sanft zusammenschlagen und schlich weg. Sie verriet keinem den heimlichen Herrgott.
»Lüpft euch auf!« rief der Grazian. »Wir müssen weiter.«