Auf einmal dachte sie an ihr Herz, das sie voll Sünden wähnte, und sie betete still: »Maria, lichter als die Lilien hinterm Zaun, roter als die Nelken am Rain, ich grüß dich soviel tausendmal, als Sandkörner liegen auf den Straßen, als Laub wachst am Wald, als Sterne scheinen vom Himmelreich. Geweint hab ich viel, eine Zähre hat die andere gefeuchtet. Zu dir komm ich, dir vertrau ich, Maria. Durch deinen keuschen Namen bitt ich dich, du sollst mir sagen, ob ich eine Hex bin.«
Der Heiligen froher Blick fiel auf den alten Heilbrunn. Da beugte sich die Ulla drüber und schaute ins Wasser, bis sie die eigenen Augen drin sah, und diese schauten so fromm und gut heraus, daß ihr wunderfriedsam unter dem gespiegelten Blick wurde, und sie wußte, daß es keine Hexenaugen waren.
Hernach trank sie von dem fallenden Wasser. Der Marienbrunn sang vertraut, und draußen im Laub meldete sich ein Rotkröpfel.
Hier war gut sein.
Weit weg von der Welt kniete die Ulla und betete herzlich für Tote und Lebende, für alle, die sie kannte und die ihr Gutes getan oder Übles.
Am andern Tag gingen die Fuxloher heim. Sie wünschten sich herzlich wieder in die kleine Heimat zurück aus der Welt, die sie sich so weit und so breit gar nicht gedacht hatten.
Wieder kürzten sie sich den Weg mit Lied und Litanei und ergötzten sich an den geweihten Andenken, die sie mit trugen, meist Bildern des Gnadenortes, mit gereimten Sprüchen bedruckt. Den Kindern hatte man auf dem Schleckmarkt etwas Gezuckertes gekauft, der Spucht hatte eine wächserne Nepomukszunge erstanden, der Grazian gar einen gläsernen heiligen Geist, und er trug die Taube in der spiegelnden Kugel zaghaft an einem Schnürlein, wich vorsichtig jedem Stein am Weg aus, und niemand durfte ihm in die Nähe. Wenn sie rasteten, hängte er sein gläsernes Glück an eine Staude und ließ es an einem Schnürlein schaukeln und im Licht glitzern.
Allen, die da aus dem hochgoldenen Haus der Herrgottin heimkehrten in das dürftige Dorf, allen war, sie hätten als Gottes Gäste ein himmlisches Märlein erlebt, und jeder glaubte, daß jetzt die hohe Dornenstaudnerin seinen Wunsch auf einem wundergläsernen Teller in den himmlischen Saal tragen werde.
Die alte Ulla trabte frisch dahin, sie fühlte sich leicht und über Erde und Leben erhoben wie die weißen Wolken droben.