Im Volk ging die Rede, daß einst von Gesetz wegen in der Mußmühle kein Weib habe hausen dürfen. In Wahrheit verhielt es sich so, daß unter jenem Dach nur wenig Kinder geboren wurden. Während es in den Bauernstuben wimmelte, zogen die jeweiligen Müllersleute immer nur einen einschichtigen, vertrotzten Buben als Samenstengel auf.
Der Ogath lag es wie ein Mühlstein am Herzen, daß sie Jahr für Jahr galt ging. Sie hätte alles drum gegeben, und nicht nur ihres verfinsterten Mannes wegen, wenn sie ein Kind gehabt hätte, und weil alles Gebet, alle Sehnsucht und Traurigkeit fruchtlos blieb, so dachte sie immer heißer an Wunderkräfte, die ihr den Segen aufschlössen.
Was ihr der Dullhäubel in seiner Verruchtheit geraten, ging ihr nimmer aus dem Sinn.
Weit drin in der Wildnis des Lusens ist die Kindelkapelle. Dort hat schon manches Mutterverlangen sich hingekehrt und ist erhört worden. Doch die große Gnade kann nur durch ein großes Opfer herbei gelenkt werden: nackt muß das Weib wallfahren zu jenem Gnadenursprung, in letzter Blöße muß sie schreiten durch die Wälder, ehe ihr das Wunder zuteil wird.
Von Woche zu Woche nahm sich die Ogath die seltsame Wallfahrt vor, doch immer wieder schrak sie in Scham davor zurück, bis ihr Wunsch endlich so gewaltig aufbrannte und alles andere davor verglomm.
Zu Mariä Heimsuchung fuhr der Müller in die Stadt ins Schloß, dort wollte er noch einmal wegen des abgeschafften Mühlrechtes verhandeln.
Da schlich die Ogath barfuß in das Vogeltänd, das war der Wald, der hinter der Mühle aufstieg und den Steig beschattete, der zur Kindelkapelle führte.
Vor einer Steinhöhle hielt sie an. Ihre Brust ging hoch, angstvoll flog ihr Blick durch die Bäume, sie trat aus dem Sonnenlicht in den tieferen Schatten einer niedergreifenden Tanne. Zitternd band sie sich die blaue Schürze los und legte sie in den Steinriß, sie tat die Joppe ab und den Rock und die drei barchentenen Unterkittel und verbarg sie. Jetzt stand sie im Hemd und lauschte todängstlich hinein in das Vogeltänd.