Nichts regte sich. Nur eine Drossel pfiff.
Sie wartete, bis der Vogel sich versungen hatte. Dann warf sie das Hemd ab und war nackt.
Ihr schauderte.
Mit gefalteten Händen, mit fallenden Zähren begann sie die leidvolle Wallfahrt.
Anfangs schien es ihr öfters, es halle der dumpfe Tritt eines Wandrers ihr entgegen, und sie floh mit verhaltenem Atem hinter eine Staude und lauschte lange und traurig.
Das Blut brannte ihr in den Wangen den weiten Weg. Sie schämte sich vor den lustigen, spiegelnden Quellwassern, die sie überschreiten mußte, sie schämte sich vor dem flüsternden Laub, das sie zu beschwätzen schien, und vor den rauhen Felsen sogar, denn alles hatte heute Gesicht und Augen. Jeder Stein am Steig, jede Wurzel am Hang, alles, alles kehrte sich ihrer sündigen Nacktheit zu.
Der grüne Baumhackel lachte schrill, der Krummschnabel glotzte vom Ast, spöttisch knickste das Rotschwänzel. Das Hirngrillein, der Guckauf, der Nußhackel, die Spottvögel alle, die Schlangen am Weg, der verzagte Has, der Hirsch, der unter der Berghollerstaude rastete und hinauf fraß, sie alle schauten sie an, die da gläubig in ihrer schmerzlichen Keuschheit dahin wallte.
»Vögel, berget die Äuglein im Gefieder!« bat sie. »Wend ab die Augen, Wendehals! Ihr Blumen, verschließt euch und schaut mich nit so an! Zeig mir mein Bild nit, du stiller Bach!«
Immer älter und verworrener wurde der Wald, schreckhaft verbogene Bäume schickten die Wurzeln wie Nattern und Tatzelwürmer aus, Felsen trugen tiefes, feuchtes Moos und trieften, Geier jagten schreiend über den finster geschlossenen Wipfeln.
Mitten in diesen Schrecknissen ragte das Wunderkirchlein auf.