Mistreß Shelby war eine Frau von hoher geistiger und moralischer Bildung. Mit jener angeborenen Hochherzigkeit, welche so häufig als ein charakteristisches Merkmal der Weiber in Kentucky gefunden wird, verband sie ein religiöses Gefühl, welches sich in allen ihren Handlungen praktisch kund gab. Ihr Mann, der keinen Anspruch auf besondere Religiosität machte, achtete und ehrte nichts destoweniger diese Seite in ihrem Charakter, und hegte vielleicht sogar eine Art Scheu vor ihrer Meinung. Gewiß ist, daß er ihr unbegränzte Machtvollkommenheit in allen ihren Bestrebungen für das Wohl und den Unterricht ihrer Dienstboten gab, obgleich er selbst keinen direkten Antheil daran nahm. In der That, wenn er auch nicht an die Lehre von der Wirksamkeit der besondern guten Werke der Heiligen glaubte, so schien er doch gewissermaßen anzunehmen, daß seine Frau Frömmigkeit und Wohlthätigkeit genug für zwei besitze, – und die schwache Hoffnung zu hegen, durch Vermittlung derjenigen Tugenden in den Himmel zu gelangen, welche seine Frau in so großem Maaße besaß, obgleich er selbst darauf keinen besondern Anspruch machen konnte.
Die schwerste Last auf seiner Seele jetzt, nach der Unterredung mit dem Sklavenhändler, war die von ihm vorempfundene Nothwendigkeit, seiner Frau die getroffenen Verabredungen mitzutheilen, und den dringenden Gegenvorstellungen zu begegnen, auf die er, wie er wußte, mit Sicherheit rechnen konnte.
Da Mistreß Shelby von den finanziellen Verlegenheiten ihres Ehemannes durchaus keine Ahnung hatte, und die gewöhnliche Gutmüthigkeit seines Herzens kannte, so war sie in dem Ausdrucke ihrer Ungläubigkeit rücksichtlich des von Elisa geäußerten Verdachtes ganz aufrichtig gewesen. Sie hatte in der That mit keinem Gedanken weiter daran gedacht; und da sie überdieß mit den Vorbereitungen zu einem Abendbesuche beschäftigt war, so entschwand der Gegenstand gänzlich aus ihrem Kopfe.
Zweites Kapitel.
Die Mutter.
Elisa war von ihrer Kindheit an bei ihrer Herrin als ein gehätschelter und verwöhnter Günstling auferzogen worden.
Der Reisende im Süden wird oft jene Zartheit und Sanftheit der Stimme und des ganzen Wesens bemerkt haben, welche sehr häufig eine besondre Gabe der Mestizen und Mulattenweiber zu sein scheint. Die natürliche Grazie der Mulattin ist oft mit einer blendenden Schönheit, und stets wenigstens mit einem äußerst angenehmen und einnehmenden Aeußeren verbunden. Elisa, wie wir sie geschildert haben, ist kein Phantasiebild, sondern der Erinnerung entnommen, wie wir sie vor Jahren in Kentucky gesehen haben. Sicher unter der schützenden Sorge ihrer Herrin hatte sie ihre körperliche Reife ohne jene Versuchungen erlangt, welche die Schönheit einer Sklavin so häufig zu einer so unheilvollen Erbschaft machen. Sie war an einen hübschen und talentvollen jungen Mulatten verheirathet worden, der Sklave auf einer nachbarlichen Besitzung war, und den Namen Georg Harris führte.
Dieser junge Mann war von seinem Herrn in eine Fabrik von Sackleinwand verdungen worden, wo seine Geschicklichkeit und Einsicht ihm sehr bald den Ruf des besten Arbeiters verschafft hatten. Er hatte eine Maschine erfunden, den Hanf zu reinigen, welche, wenn man die Erziehung und Verhältnisse des Erfinders berücksichtigte, eben so viel mechanisches Genie verrieth, wie Whitney's Baumwollenspinnmaschine. Er war von hübscher Figur und einnehmendem Wesen, wodurch er bald der allgemeine Liebling in der Fabrik wurde. Nichtsdestoweniger waren alle diese edleren Eigenschaften, da der junge Mann vor dem Gesetze nicht ein Mensch, sondern nur eine Sache war, der Herrschaft eines gemeinen, engherzigen, tyrannischen Herrn unterworfen. Dieser Ehrenmann, als er von der in der Umgegend viel besprochenen Erfindung Georgs gehört hatte, nahm sich eines Tages die Mühe, nach der Fabrik hinüber zu reiten, um zu sehen, was dieses einsichtsvolle Stück seines Eigenthums dort treibe. Der Besitzer empfing ihn mit großer Begeisterung, und gratulirte ihm, einen so werthvollen Sklaven zu besitzen. Er wurde durch die ganze Fabrik geführt, und Georg zeigte ihm das ganze Maschinenwesen, und sprach dabei so lebhaft und so fließend, zeigte eine solche Haltung, und erschien so schön und männlich, daß seinen Herrn ein gewisses unbehagliches Gefühl von Untergeordnetheit beschlich. Wozu hatte sein Sklave nöthig, durch das Land zu gehen, Maschinen zu erfinden, und mit Gentlemen zu verkehren? Er wollte dem bald ein Ende machen, – er wollte ihn zurückholen und hacken und graben lassen, und sehen, „ob er sich dabei auch so stattlich ausnehmen werde.“ Wie gesagt, so geschehen. Der Fabrikbesitzer und alle dabei gegenwärtigen Arbeiter waren erstaunt, als er plötzlich Georgs Lohn verlangte, und seine Absicht zu erkennen gab, ihn mit sich nach Hause zu nehmen.
„Aber, Mr. Harris,“ entgegnete der Fabrikbesitzer, „ist das nicht eigentlich zu schnell?“
„Und wenn es ist? – ist der Mann nicht mein?“