„Mr. Wilson, ich weiß das Alles,“ sagte Georg. „Ich setze mich einer Gefahr aus, aber –“ hier öffnete er seinen Ueberrock und ließ zwei Pistolen und ein Weidmesser sehen. „Hier!“ sagte er, „ich bin bereit für sie! Hinunter nach Süden will ich nimmer gehen. Nein! wenn es dahin kömmt, so kann ich mir wenigstens noch sechs Fuß freien Grund und Boden erringen, – den ersten und letzten, den ich jemals in Kentucky besitzen werde!“

„Höre, Georg, diese Gemüthsstimmung ist schrecklich! – sie ist ganz verzweifelt, Georg. Das bekümmert mich sehr; – so die Gesetze Deines Vaterlandes übertreten zu wollen!“

„Wieder, meines Vaterlandes! Mr. Wilson, Sie haben ein Vaterland; aber welches Vaterland habe ich oder irgend Einer, der von einer Sklavenmutter geboren worden ist? Welche Gesetze bestehen denn für uns? Wir erlassen sie nicht, – wir geben nicht unsre Stimme dazu, wir haben nichts mit ihnen zu thun; Alles, was sie für uns thun, ist, daß sie uns niederschmettern und uns niederhalten. Habe ich denn nicht ihre Reden am 4ten Juli gehört? Haben sie uns nicht allen alljährlich einmal gesagt, daß die Regierungen ihre Gewalt nur durch den Willen der Regierten erhalten? Kann ein Mensch denn nicht denken, der solche Sachen hört? Kann er dies und jenes nicht zusammenreimen und sich daraus Schlüsse ziehen?“

Mr. Wilson's Geist war einer von denjenigen, die nicht unpassend mit einem Ballen Baumwolle verglichen werden können, – sanft, weich, nachgiebig und verworren. Er bedauerte wirklich Georg von ganzem Herzen, und hatte sogar eine dunkle, nebelichte Ahnung von dem Gefühl, welches diesen erfüllte: aber er hielt es für seine Pflicht, beharrlich mit seinen guten Vorstellungen fortzufahren.

„Georg, das ist unrecht. Ich muß es Dir sagen, als Dein Freund, Du weißt, Du thätest besser, Dich mit solchen Ideen nicht zu beschäftigen; die sind ganz unpassend, Georg, ganz unpassend für Burschen in Deinem Verhältniß.“ Und Mr. Wilson setzte sich nieder und begann in heftigster Aufregung an dem Knopfe seines Schirmes zu kauen.

„Nun sehen Sie hier, Mr. Wilson,“ sagte Georg, indem er zu ihm herantrat und sich mit entschiedenem Wesen dicht vor ihn setzte; – „sehen Sie mich jetzt an. Sitze ich hier nicht vor Ihnen als ein Mensch in jeder Beziehung grade so gut wie Sie? Schauen Sie in mein Gesicht, auf meine Hände, auf meinen Körper,“ und bei diesen Worten hob sich der junge Mann stolz auf, „bin ich nicht ein Mensch so gut wie Einer? Wohl, Mr. Wilson, hören Sie, was ich Ihnen sagen will. Ich hatte einen Vater, – er gehörte zu Ihren Kentucky'schen Gentlemen, – der sich nicht so viel aus mir machte, daß er mich dagegen sicherte, mit seinen Pferden und Hunden nach seinem Tode verkauft zu werden. Ich sah meine Mutter zum Verkaufe ausgestellt mit ihren sieben Kindern. Sie wurden alle, eins nach dem andern, vor ihren Augen an verschiedene Herren verkauft; und ich war das jüngste. Sie kam und sank vor meinem alten Master zu Füßen und flehte ihn an, sie mit mir zu kaufen, damit sie wenigstens ein Kind bei sich habe; – und er stieß sie mit dem Hacken zur Seite. Ich sah es, als er es that; und das Letzte, was ich von ihr hörte, war ihr Stöhnen und Schreien, als ich an den Hals seines Pferdes gebunden wurde, um mit ihm fortgeschleppt zu werden.“

„Nun, also?“

„Mein Herr kaufte später meine älteste Schwester von dem Manne, der sie erstanden hatte. Sie war ein frommes, gutes Mädchen, – und so schön wie ihre arme Mutter gewesen war. Sie war gut erzogen worden, und wußte sich gut zu benehmen. Anfangs freute ich mich, daß sie gekauft worden war, denn ich hatte nun eine Freundin in meiner Nähe; aber bald bereute ich es. Ich habe an der Thür gestanden und gehört, wie sie gepeitscht wurde, während jeder Schlag mein entblößtes Herz zu treffen schien, und konnte ihr nicht helfen; und sie wurde gepeitscht, Herr, blos deshalb, weil sie ein sittliches, christliches Leben führen wollte, ein solches, wie Ihre Gesetze einem Sklavenmädchen nicht erlauben zu führen; und endlich sah ich sie geschlossen in dem Trupp eines Sklavenhändlers, um nach New-Orleans auf den Markt gebracht zu werden, – dort hingeschickt blos deshalb, weil sie – und das ist das Letzte, was ich von ihr weiß. – Ich selbst wuchs auf, – lange, lange Jahre, – keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, kein menschliches Wesen bei mir, das sich um mich mehr als um einen Hund kümmerte; nichts als gepeitscht, geschimpft werden, und Hunger leiden. Ich bin oft so hungrig gewesen, daß ich froh war, die Knochen zu finden, die den Hunden vorgeworfen wurden; und dennoch war es nicht der Hunger, nicht der Schmerz der Peitschenhiebe, weshalb ich oft als ein kleiner Knabe lange Nächte wachend und weinend auf meinem Lager zubrachte. Nein, Herr, es war meine Mutter und meine Schwestern, um die ich weinte, – es war, weil ich keinen Freund auf Erden hatte, der mich liebte. Ich habe nie gewußt, was Friede und Annehmlichkeiten des Lebens waren; nie wurde ein freundliches Wort zu mir gesprochen, bis ich in Ihre Fabrik kam. Mr. Wilson, Sie haben mich gut behandelt, Sie haben mich ermuthigt, gut zu sein, lesen und schreiben zu lernen, und etwas aus mir selbst zu machen; und Gott weiß es, wie dankbar ich Ihnen dafür bin. Dann fand ich meine Frau; Sie haben sie gesehen, – Sie wissen, wie schön sie ist. Als ich sah, daß sie mich liebte, als ich sie heirathete, konnte ich kaum glauben, daß ich wirklich lebe, so glücklich war ich; und sie ist ebenso gut wie schön. Aber was kam nun? – Mein Master kommt und nimmt mich von meiner Arbeit fort, von meinen Freunden und Allem, was ich lieb hatte, um mich in den Staub zu treten! Und weshalb? Weil ich, wie er sagt, vergessen habe, was ich sei, um, wie er sagt, mir zu lehren, daß ich nichts als ein Neger sei! Endlich tritt er auch zwischen mich und mein Weib, und verlangt, ich solle sie aufgeben und mit einem andern Weibe leben. Und zu allen diesen Handlungen geben ihm Ihre Gesetze Macht und Vollkommenheit, trotz Gott und Menschen. Mr. Wilson, hören Sie! Es ist hier nicht eine einzige Handlung unter allen diesen, die die Herzen meiner Mutter, meiner Schwester, meines Weibes und mein eignes gebrochen haben, welche Ihre Gesetze nicht billigten, und jedem Manne in Kentucky ohne Widerspruch erlaubten! Nennen Sie nun diese die Gesetze meines Vaterlandes? Nein, Herr, ich habe nicht mehr ein Vaterland, als ich einen Vater habe. Aber ich bin im Begriffe, eins zu erlangen. Ich verlange nichts von Ihrem Vaterlande, als daß es mich in Frieden lasse und mir erlaube, ruhig hinaus zu gehen; und wenn ich nach Kanada komme, wo die Gesetze mich anerkennen und mich beschützen werden, so soll dies mein Vaterland sein, und ich will seinen Gesetzen gehorchen. Aber wenn Jemand versuchen sollte, mich aufzuhalten, so mag er sich vorsehen, denn ich bin verzweifelt. Ich werde kämpfen für meine Freiheit bis zum letzten Hauche. Sie sagen, Ihre Vorväter thaten dasselbe; wohl, wenn es für sie recht war, so ist es auch für mich recht.“

Diese Rede, welche von ihm, theils am Tische sitzend, theils im Zimmer auf und ab gehend, gesprochen wurde, mit Thränen, funkelnden Augen und verzweifelnden Geberden, war für den guten alten Mann zu viel, an den sie gerichtet war, und der inzwischen ein großes, gelbes Taschentuch herausgezogen hatte und sein Gesicht damit herzhaft wischte.

„Laß sie alle zum Henker gehen!“ brach er plötzlich hervor. „Habe ich's nicht immer gesagt, – die verdammten Hallunken! – Ich habe doch nicht geflucht, jetzt? – Gut, Georg, geh' zu, geh' zu! aber sei vorsichtig, mein Junge; schieße Keinen todt, Georg, wenn's nicht – ja, – aber noch besser, Du schießest gar nicht, denk' ich; wenigstens würde ich Niemandem Schaden zufügen, verstehst Du? – Wo ist Dein Weib, Georg?“ fügte er hinzu, während er heftig erregt aufstand, und im Zimmer auf und ab zu gehen begann.