»O, Sie brauchen mir das nicht zu sagen! Ich habe hundert gesehen, wie er. Er wird sich so lange gut betragen, als er unter strenger Aufsicht steht, — länger nicht.«
»Aber bedenken Sie doch,« sagte Miß Ophelia, »wie leicht er einen schlechten Herrn bekommen kann, wenn Sie ihn zum Verkaufe ausstellen.«
»O, das ist Alles Thorheit!« entgegnete Marie. »Nicht einmal unter hundert geschieht es, daß ein guter Dienstbote einen schlechten Herrn bekömmt. Die meisten Herren sind gut, was auch immer gesprochen werden möge. Ich habe hier im Süden gelebt, und bin hier aufgewachsen, und habe nie einen Herrn kennen gelernt, der seine Leute nicht gut behandelte, — grade so gut, als es nöthig ist. Darüber bin ich ganz ruhig.«
»Wohl,« sagte Miß Ophelia mit Nachdruck, »ich weiß, daß es einer der letzten Wünsche Ihres Gatten war, daß Tom seine Freiheit haben solle; es war ein Versprechen, welches er der lieben, kleinen Eva auf ihrem Sterbebette gemacht hatte, und ich glaubte nicht, daß Sie sich für berechtigt halten würden, dies zu vergessen.«
Marie bedeckte bei dieser Anrede ihr Gesicht mit dem Taschentuche, und begann heftig zu schluchzen und ihr Riechfläschchen zu gebrauchen.
»Jeder Mensch ist gegen mich!« sagte sie. »Jeder ist so rücksichtslos! Ich hätte nicht gedacht, daß Sie auch mir alle diese Erinnerungen meiner Leiden vorhalten würden, — es ist so rücksichtslos! aber Niemand hat die geringste Rücksicht für mich, — meine Leiden sind unaussprechlich! Ist es nicht schrecklich, daß, wenn ich nur eine einzige Tochter habe, ich auch diese verlieren muß? — und daß mir mein Mann, der grade für mich paßte, genommen werden muß? — Und nun scheinen Sie auch noch so wenig Gefühl zu haben, und erinnern mich daran so unbarmherzig, — da Sie doch wissen, wie sehr es mich angreift! Ich glaube recht gern, daß Sie es gut meinen, aber es ist so rücksichtslos!« Und Marie schluchzte und suchte nach Athem, und rief Mammy zu, das Fenster zu öffnen, und ihr die Kampferflasche zu bringen, und ihr das Kleid aufzuhaken; und während der hierauf folgenden Unruhe trat Miß Ophelia ihren Rückzug in ihr eigenes Zimmer an. Sie sah, daß es nutzlos sein würde, noch mehr über den Gegenstand zu sprechen; denn Marie hatte eine unendliche Fertigkeit, hysterische Anfälle heraufzubeschwören, und sobald nachher irgend eine Erwähnung der von ihrem Manne oder Eva ausgesprochenen Wünsche in Betreff der Dienstboten geschah, fand sie es jedes Mal für angemessen, einen solchen zu Hülfe zu rufen. Miß Ophelia that deßhalb das Einzige, was sie noch für Tom thun konnte, — sie schrieb an Mrs. Shelby, schilderte seine traurige Lage, und bat um Hülfe für ihn.
Am nächsten Tage wurden Tom und Adolph mit einem halben Dutzend anderer Dienstboten nach einem Sklavenhause abgeführt, um daselbst den Händler abzuwarten, der eine größere Anzahl zur öffentlichen Versteigerung sammeln wollte.
Dreißigstes Kapitel.
Das Sklavenhaus.
Ein Sklavenhaus! ein Sklavenspeicher! Vielleicht machen sich manche unserer Leser eine schreckliche Vorstellung von einem solchen Orte, — halten ihn für eine schmutzige, finstere Höhle, einen schrecklichen Tartarus, »informis, ingens, cui lumen ademptum.« Aber nein, unschuldiger Freund; in jetziger Zeit hat man die Kunst gelernt, auf anständige Weise zu sündigen, so daß die Augen und Gefühle guter Gesellschaft nicht beleidigt werden. Menschliche Waare steht in gutem Preise, und wird deßhalb wohl genährt, wohl gereinigt und abgewartet, damit sie glatt, kräftig und gesund auf den Markt komme. Ein Sklavenhaus in New-Orleans unterscheidet sich äußerlich wenig von anderen Häusern und wird in reinlichem Stande gehalten. Vor demselben kann man täglich unter einer Art Schuppen Reihen von Männern und Weibern ausgestellt sehen, welche als Zeichen derjenigen Waare dienen, die innerhalb verkauft wird. Dann wirst du höflich eingeladen einzutreten und zu untersuchen, und wirst eine große Anzahl von Ehemännern, Weibern, Vätern, Müttern, Brüdern, Schwestern und jungen Kindern finden, die einzeln oder zusammen, je nachdem die Käufer es wünschen, losgeschlagen werden sollen; und die unsterbliche Seele, die einst mit dem Blute und der Todesangst des Sohnes Gottes verkauft wurde, als die Erde erbebte und die Felsen zersprangen, und die Gräber sich öffneten, kann jetzt verkauft, verdungen, verpfändet oder gegen Waaren jeder Art ausgetauscht werden, um den Bedürfnissen des Handels oder den Wünschen der Käufer zu genügen.