Da jetzt Alles zum Handeln reif ist, so schauen unsere Leser vielleicht gern hinter den Vorhang, um den endlichen coup d'état selbst mit anzusehen.
Es war gegen Abend. Legree war auf ein benachbartes Gut geritten. Mehrere Tage war Cassy ungewöhnlich gnädiger und gefälliger Laune gewesen; und Legree war scheinbar auf dem besten Fuße mit ihr. Jetzt sehen wir sie und Emmeline in dem Zimmer der Letzteren emsig beschäftigt, zwei Bündelchen zu schnüren.
»Da, die werden groß genug sein,« sagte Cassy. »Nun setz Deinen Hut auf und laß uns fort: 's ist gerade die rechte Zeit.«
»Aber, sie können uns noch sehen,« sagte Emmeline.
»Das sollen sie gerade,« sagte Cassy kaltblütig. »Weißt Du nicht, daß sie auf jeden Fall Jagd auf uns machen müssen? Die Sache muß folgendermaßen gehen. Wir stehlen uns aus der Hinterthür und laufen nach den Hütten hinunter. Sambo und Quimbo sehen uns gewiß. Sie machen Jagd und wir machen uns in die Sümpfe; dann können sie uns nicht weiter folgen, bis sie hinaufgehen und Lärm machen, und die Hunde loslassen und so weiter; und während sie umherstolpern und über einander fallen, wie sie es immer machen, schleichen wir den Bach entlang, der hinter dem Hause fließt, und waten darin fort, bis wir an die Hinterthür kommen. Die Hunde verlieren dadurch die Spur, denn das Wasser hält keine Witterung. Alle werden zum Hause hinaus laufen, um nach uns zu sehen, und dann schlüpfen wir zur Hinterthür hinein und hinauf in die Bodenkammer, wo ich ein hübsches Bett in einer von den großen Kisten zurecht gemacht habe. Wir müssen dort eine gute Weile bleiben; denn ich sage Dir, er wird Himmel und Erde nach uns aufbieten. Er wird einige alte Aufseher an den andern Pflanzungen zusammenbringen und eine große Hetze halten; und sie werden jedes Fleckchen in dem Sumpfe durchsuchen. Er setzt seinen Stolz darein, daß ihm nie Einer hat entkommen können. So laß ihn denn nach Belieben jagen.«
»Cassy, wie gut Ihr das angelegt habt!« sagte Emmeline. »Niemand als Ihr hätte das ausgedacht!«
Es lag weder Vergnügen, noch Frohlocken in Cassy's Augen — nur eine verzweifelte Festigkeit.
»Komm',« sagte sie, Emmeline die Hand gebend.
Die beiden Flüchtlinge schlichen geräuschlos aus dem Hause, und eilten durch die zunehmenden Schatten des Abends an den Hütten entlang. Der Mond, der wie eine silberne Sichel am westlichen Himmel stand, verschob ein wenig das Herannahen der Nacht. Wie Cassy erwartet hatte, hörten sie, als sie den Sümpfen ganz nahe waren, welche die Pflanzung einschlossen, eine Stimme ihnen Halt! zurufen. Es war indeß nicht Sambo, sondern Legree, der sie mit heftigen Verwünschungen verfolgte. Bei dem Tone brach der schwächere Geist Emmelinens zusammen: und indem sie sich an Cassy's Arm hielt, sagte sie: »O, Cassy, ich werde ohnmächtig!«
»Geschieht das, so tödte ich Dich!« sagte Cassy, indem sie einen kleinen schimmernden Dolch zog, und vor den Augen des Mädchens blitzen ließ.