Man flüsterte sich zu, daß Fußtritte um Mitternacht die Dachstubentreppe herabgekommen und im Hause umher gehört worden seien. Vergebens hatte man die Thüre des obern Einganges geschlossen; der Geist trug entweder einen Nachschlüssel in der Tasche, oder bediente sich des unverjährbaren Vorrechtes der Geister, durch das Schlüsselloch zu kommen, und ging nach wie vor mit beunruhigender Freiheit im Hause umher.

Die Ansichten waren einigermaßen getheilt über die Gestalt des Geistes, nach der unter Negern — und so viel wir wissen, auch unter Weißen — vorherrschenden Sitte, unveränderlich die Augen zu schließen, und den Kopf unter der Bettdecke, Unterröcken, oder was sonst bei dergleichen Gelegenheiten zum Schutze gebraucht zu werden pflegt, zu verbergen.

Natürlich ist, wie Jedermann weiß, das geistige Auge besonders scharf und durchdringend, sobald die leiblichen Augen außer Thätigkeit gesetzt sind; und deshalb gab es eine Menge Portraits des Geistes in voller Lebensgröße, die bezeugt und beschworen wurden, und, wie es oft mit Portraiten der Fall ist, keine andre Aehnlichkeit mit einander hatten, als die Familienähnlichkeit des ganzen Geistergeschlechts, — ein weißes Gewand.

Sei dem wie ihm wolle, wir haben besondre Gründe, zu wissen, daß eine große Figur in einem weißen Gewande allnächtlich zur echten Geisterstunde um Legree's Wohnung schritt, durch Thüren ging, das Haus umschlich, — zuweilen verschwand, dann wieder erschien, und jene einsame Treppe hinauf in den verrufenen Boden ging; und daß am nächsten Morgen alle Thüren eben so fest verschlossen gefunden wurden, wie zuvor.

Legree mußte nothwendig dies Geflüster hören, und es regte ihn um so mehr auf, je mehr Mühe man sich gab, es ihm zu verhehlen. Er trank mehr Brandwein, als gewöhnlich, trug seinen Kopf hoch und fluchte lauter als jemals bei Tage. Aber er hatte böse Träume, und die Erscheinungen, die sich an seinem Bette zeigten, waren nichts weniger als angenehm. Am Abende, nachdem Tom's Leichnam fortgeschafft worden war, ritt er nach der nächsten Stadt zu einem Zechgelage. Er kam spät und ermüdet nach Hause, verschloß seine Thür, zog den Schlüssel aus, und ging zu Bett.

Mag ein Mensch sich auch noch so viel Mühe geben, seine Seele einzuschläfern, sie ist für einen bösen Menschen doch ein entsetzlich gespenstiges Besitzthum. Wer kennt ihre Grenzen? Wer kennt alle ihre Ahnungen, ihre Schauer, ihr Beben, die sie eben so wenig unterdrücken kann, wie ihre eigne Ewigkeit überleben! Welcher Thor ist Derjenige, der seine Thür verschließt, um Geister abzuhalten, und in seinem eignen Busen einen Geist trägt, dem er nicht zu begegnen wagt, — dessen Stimme, obgleich unterdrückt durch Berge von Weltlichkeit, dennoch wie die warnende Stimme des jüngsten Gerichtes ertönt!

Aber Legree verschloß seine Thür, und setzte einen Stuhl davor; er stellte seine Lampe zu Häupten des Bettes, und legte seine Pistolen daneben. Er untersuchte den Verschluß der Fenster, und schwur dann, »daß er sich nicht vor dem Teufel und allen seinen Engeln fürchte,« und legte sich schlafen.

Wohl, er schlief, denn er war müde, — er schlief fest. Endlich aber breitete sich über seinen Schlaf ein Schatten, ein Schrecken, eine Ahnung von etwas Entsetzlichem, was über ihm schwebe. Er hielt es für das Sterbehemd seiner Mutter, aber Cassy hielt es empor, und zeigte es ihm. Er hörte ein verworrenes Geräusch von Schreien und Stöhnen; und dennoch wußte er, daß er schlief, und bemühte sich, wach zu werden. Endlich wurde er halb wach, und glaubte mit Bestimmtheit zu erkennen, daß Etwas in sein Zimmer komme. Er wußte, daß die Thür offen war, aber er konnte weder Hand noch Fuß rühren. Endlich wendete er sich mit einer plötzlichen Anstrengung um. Die Thür war geöffnet, und er sah eine Hand sein Licht auslöschen.

Es war eine trübe, nebelige Mondnacht, und doch sah er es! — etwas Weißes, was herein schlich! Er hörte das leise Rauschen der gespenstigen Gewänder. Es stand an seinem Bette still; — eine kalte Hand berührte die seinige; eine Stimme sagte dreimal in leisem, schrecklichen Flüstern: »Komm'! komm'! komm'!« Und während er vor Schrecken in Schweiß gebadet da lag, bemerkte er nicht, wann und wie die Erscheinung wieder verschwand. Er sprang aus dem Bette, und riß an der Thür. Sie war fest verschlossen, und der Mann stürzte ohnmächtig zu Boden.