Von dieser Zeit an wurde Legree ein stärkerer Trinker als je zuvor. Er trank nicht mehr mit Vorsicht und Besonnenheit, sondern ohne Grenze und Maaß. Bald nachher verbreitete sich in der Umgegend das Gerücht, daß er krank sei und dem Tode nahe. Unmäßigkeit hatte jene schreckliche Krankheit erzeugt, welche die düstern Schatten einer kommenden Vergeltung auf dieses Leben zurückzuwerfen scheint. Niemand konnte die Schrecken jenes Krankenzimmers ertragen, wenn er raste und schrie, und von Gesichten sprach, die das Blut Derjenigen, die ihn hörten, erstarren ließ; und an seinem Sterbebette stand eine ernste, weiße, unerbittliche Gestalt, die ihm zurief: »Komme! komme! komme!«

Durch ein sonderbares Zusammentreffen wurde nach derselben Nacht, in der Legree diese Erscheinung hatte, die Hausthür am Morgen offen gefunden; und einige Neger hatten zwei weiße Gestalten die Allee hinab der Landstraße zugehen sehen.

Es war kurz vor Sonnenaufgang, als Cassy und Emmeline einen Augenblick in einem kleinen Gehölze in der Nähe der Stadt anhielten. Cassy war nach der Mode spanischer Creolinnen gekleidet, — ganz schwarz. Ein kleiner, schwarzer Hut, der mit einem dicht gestickten Schleier bedeckt war, verbarg ihr Gesicht. Nach getroffener Uebereinkunft sollte sie auf der Flucht die Rolle einer vornehmen Creolin spielen, und Emmeline für ihre Dienerin gelten.

Da Cassy sich von früher Jugend an in den höchsten Gesellschaftskreisen bewegt hatte, so harmonirten ihre Sprache, ihre Bewegungen, ihr ganzes Wesen mit dieser Idee; und sie hatte von ihrer einst glänzenden Garderobe noch genug bewahrt, um diese Rolle mit äußerem Anstande und mit Erfolg spielen zu können.

In der Vorstadt kaufte sie an einem ihr bekannten Orte einen hübschen Reisekoffer, und ersuchte den Mann, ihr denselben nachtragen zu lassen; und auf diese Weise von dem Burschen, der ihren Koffer karrte, und Emmelinen, welche eine Reisetasche und verschiedene andre Effekten trug, gefolgt, erschien sie vor dem kleinen Gasthofe wie eine Dame von Stande.

Die erste Person, welche ihr nach ihrer Ankunft daselbst auffiel, war Georg Shelby, der daselbst das nächste Boot erwartete. Cassy hatte den jungen Mann aus ihrem Verstecke auf dem Boden bemerkt, und ihn den Leichnam Tom's fortschaffen sehen, und mit geheimer Freude sein Zusammentreffen mit Legree beobachtet. Späterhin hatte sie aus den Unterhaltungen der Neger, die sie behorchte, wenn sie Nachts in ihrer gespenstigen Verkleidung umher schlich, erfahren, wer er war, und in welchem Verhältniß er zu Tom stand. Aus diesem Grunde fühlte sie sich augenblicklich durch eine Art Vertrauen zu ihm hingezogen, als sie sah, daß er gleich ihr das nächste Boot erwarte.

Cassy's Haltung und ganzes Aeußere, so wie die ihr zu Gebote stehenden Geldmittel verdrängten im Gasthofe jede Möglichkeit eines Verdachtes. Die Leute untersuchen nie zu genau die Verhältnisse solcher Personen, die in dem Hauptpunkte, einer guten Zahlung, befriedigend sind, was Cassy vorher gewußt zu haben schien, als sie sich mit Gelde versah.

Gegen Abend näherte sich ein Boot, und Georg Shelby geleitete Cassy mit einer Höflichkeit an Bord, die jedem Eingeborenen von Kentucky natürlich ist, und bemühte sich, ihr eine gute Cajüte zu verschaffen.

Cassy blieb während der ganzen Zeit, daß sie auf dem rothen Flusse waren, unter dem Vorwande von Krankheit in ihrem Zimmer und ihrem Bette, und wurde mit dem dienstfertigsten Eifer von ihrer Begleiterin bedient. Als sie den Mississipppi erreichten, und Georg in Erfahrung brachte, daß die fremde Dame denselben Weg aufwärts den Fluß wie er nehme, machte er ihr den Vorschlag, eine Cajüte für sie auf demselben Boote nehmen zu dürfen, auf dem er zu fahren beabsichtigte, — indem er in seiner Gutmüthigkeit Mitleid für ihre schwache Gesundheit hegte, und ihr so viel Beistand wie möglich zu leisten wünschte.

Wir sehen deshalb die ganze Gesellschaft wohlbehalten auf das gute Dampfboot Cincinnati übergehen, welches unter Leitung einer gewaltigen Dampfsäule den Fluß hinauf arbeitet.