Eine oder zwei Wochen später zeigte sich plötzlich eine günstige Veränderung der Symptome, — eine jener trügerischen Windstillen, durch die jene unerbittliche Krankheit so oft das angstvolle Herz noch am Rande des Grabes täuscht. Eva's Tritt schwebte wieder durch den Garten, durch die Balkone, — sie spielte wieder und lachte wieder, und ihr Vater erklärte in seinem Entzücken, daß sie bald wieder so gesund sein solle, wie je zuvor. Nur Miß Ophelia und der Arzt schöpften keine neuen Hoffnungen aus diesem trügerischen Wechsel. Und noch ein anderes Herz schlug, das auch dieselbe Gewißheit in sich fühlte, und das war Eva's kleines Herz. Was für eine Stimme ist das, die zuweilen im Herzen so ruhig, so deutlich spricht, daß seine irdische Zeit bald abgelaufen sei? Ist es der geheime Instinkt der vergehenden Natur, oder ist es ein ahnender Herzschlag, wenn die Ewigkeit uns näher rückt? Was es auch sei, in Eva's Herzen war die ruhige, süße, prophetische Gewißheit vorhanden, daß der Himmel ihr nahe sei, und nur der Schmerz um diejenigen, die sie so innig liebten, beunruhigte ihr kleines Herz. Denn das Kind, obgleich es so zärtlich auferzogen worden war, und obgleich sich das Leben vor ihm mit allem Glanze ausbreitete, den Liebe und Reichthum gewähren können, empfand dennoch keinen Schmerz über sein nahendes Scheiden. In jenem Buche, in dem sie mit ihrem schlichten, alten Freunde so viel gelesen, hatte sie das Bild Eines gefunden und in ihr Herz geschlossen, der das kleine Kind liebte; und während sie sann und an ihn dachte, hatte er aufgehört, ein bloßes Bild und Gemälde zu sein, und war eine lebendige, Alles umfassende Wirklichkeit geworden. Seine Liebe umschloß ihr kindliches Herz mit mehr als menschlicher Zärtlichkeit, und zu Ihm, nach Seinem Hause, sagte sie, daß sie gehe.
Aber ihr Herz dachte mit wehmüthiger Zärtlichkeit an alle diejenigen, die sie zurücklassen mußte; zunächst an ihren Vater, — denn, obgleich sie sich dessen nicht deutlich bewußt war, hatte sie dennoch das instinktmäßige Gefühl, daß sie seinem Herzen mehr angehöre, als irgend einem andern. Sie liebte ihre Mutter, weil ihr ganzes Wesen Liebe war, und alle die Selbstsucht, die sie an ihr wahrnahm, verursachte ihr nur Betrübniß und Verwunderung; denn sie hatte das dunkle, kindliche Gefühl, daß ihre Mutter nicht unrecht thun könne. Eben so gedachte sie mit Liebe jener treuen, anhänglichen Dienstboten, für die sie wie Tageslicht und Sonnenschein gewesen war. Kinder generalisiren in der Regel nicht, allein Eva war ein ungewöhnlich reifes Kind, und was sie von den Uebeln jenes Systems gesehen hatte, unter dem jene Unglücklichen lebten, war eins nach dem andern in die Tiefen ihres sinnenden Gemüthes gesunken. Sie empfand ein dunkles Sehnen, irgend etwas für sie zu thun, — ein Sehnen, das in so grellem Gegensatze zu der Gebrechlichkeit ihrer kleinen, körperlichen Hülle stand.
»Onkel Tom,« sagte sie eines Tages, als sie ihm vorlas, — »ich kann es mir erklären, weßhalb Jesus für uns sterben wollte.«
»Weßhalb, Miß Eva?«
»Weil ich grade dasselbe Gefühl auch habe.«
»Welches Gefühl, Miß Eva? — ich verstehe Sie nicht.«
»Ich kann es Dir nicht beschreiben: aber als ich jene unglücklichen Wesen auf dem Schiffe sah, — Du weißt ja, als wir zusammen hierher fuhren, — von denen einige ihre Mütter verloren hatten, und andere um ihre Männer, und noch andere um ihre Kinder weinten, — und als ich von der armen Prue hörte, — o, war das nicht schrecklich! — da dachte ich, ich würde gern sterben, wenn mein Tod allem diesem Elend ein Ende machen könnte. — Ich würde gern sterben, gewiß, Tom, wenn ich könnte,« fügte sie lebhafter hinzu, indem sie ihre kleine Hand auf die seinige legte.
Tom blickte mit Ehrfurcht auf das Kind, und als es auf den Ruf seines Vaters davon eilte, trocknete er seine Augen viele, viele Male, während er ihr nachschaute.
»'s ist vergeblich, Miß Eva hier behalten zu wollen,« sagte er zu Mammy, der er gleich nachher begegnete; — »sie hat schon das Zeichen des Herrn auf ihrer Stirn.«
»Ach, ja, ja,« sagte Mammy, ihre Hände aufhebend; — »habe immer das gesagt. Sie war nie, wie ein Kind ist, das leben soll, — 's war immer so 'was Tiefes in ihren Augen. Hab's Missis oft genug gesagt, — 's muß wahr werden, — wir sehen's Alle, — das liebe, kleine Lamm!«