»Miß Eva, — sie spricht mit mir. Der Herr sendet seinen Boten in die Seele. Ich muß dabei sein, Miß Feely; denn wenn das Segenskind in das Himmelreich geht, wird sich das Thor so weit öffnen, daß wir alle einen Blick in seine Glorie hineinthun können, Miß Feely.«

»Onkel Tom! sagte Miß Eva, daß sie sich heute Abend kränker als gewöhnlich fühle?«

»Nein, aber sie sagte mir diesen Morgen, daß sie näher käme, — jene da oben sind es, die es dem Kinde sagen, Miß Feely, — die Engel sind's! — Es ist der Trompetenschall vor dem Anbruch des Tages!« sagte Tom, sich der Worte einer Lieblingshymne bedienend.

Dieses Zwiegespräch fand zwischen Miß Ophelia und Tom eines Abends zwischen zehn und elf Uhr Statt, nachdem sie bereits alle ihre Anordnungen für die Nacht getroffen hatte, und sie, als sie die äußere Thür der Veranda schließen wollte, Tom vor derselben ausgestreckt liegend fand. Sie war weder nervenschwach, noch leicht erregbar, allein Tom's feierlicher, aus dem Herzen kommender Ton fiel Ophelien auf. Eva war an diesem Tage besonders munter und heiter gewesen, und hatte aufrecht in ihrem Bett gesessen, und über alle ihre kleinen Schmucksachen geblickt und die Freunde namhaft gemacht, denen sie gegeben werden sollten. Ihr ganzes Wesen war lebhafter und ihre Stimme natürlicher gewesen als seit vielen Wochen. Ihr Vater war gegen Abend in ihrem Zimmer gewesen und hatte gesagt, daß Eva ihm ihren früheren gesunden Tagen ähnlicher erschienen wäre, als je in ihrer Krankheit, und als er sie zum Abschiede für die Nacht geküßt, hatte er zu Miß Ophelien gesagt: »Cousine, wir können sie vielleicht dennoch behalten, sie ist entschieden besser,« und hatte sich sodann mit leichterem Herzen in sein Zimmer zurückgezogen, als manche lange Woche zuvor.

Aber um Mitternacht, — seltsame, geheimnißvolle Stunde! — wenn der Schleier zwischen der gebrechlichen Gegenwart und der ewigen Zukunft durchsichtiger wird, — dann kam der Bote!

Ein Geräusch wurde hörbar in jenem Zimmer von schnellen, eiligen Schritten. Es war Miß Ophelia, welche beschlossen hatte, die ganze Nacht bei ihrem kleinen Pflegling zu wachen, und um Mitternacht Etwas bemerkt hatte, was erfahrene Wärterinnen bedeutungsvoll »eine Veränderung« zu nennen pflegen. Die äußere Thür wurde schnell geöffnet, und Tom, der außerhalb wachte, war im Augenblick bei der Hand.

»Geh' zum Arzte, Tom! verliere keinen Augenblick!« sagte Miß Ophelia, und eilte durch das Zimmer, um an St. Clare's Thür zu pochen.

»Cousin,« rief sie, »bitte, komm heraus!«

Diese Worte fielen auf sein Herz wie Sandschollen auf einen Sarg. Im Augenblicke war er im Zimmer und beugte sich über Eva nieder, die noch schlief.

Was war es, was er dort sah und sein Herz stocken ließ? Weshalb wurde kein Wort zwischen Beiden gesprochen? Du, liebe Leserin, weißt es vielleicht, die Du denselben Ausdruck auf dem Gesichte dessen gesehen hast, was Dir am theuersten war, — jenen unbeschreiblichen, hoffnungslosen, unverkennbaren Zug, der Dir sagt, daß Dein Geliebtes nicht mehr Dein ist.