Für Wesen wie Du, theure Eva, gibt es keinen Tod! Es ist nichts als ein sanftes Schwinden, wie wenn der Morgenstern unter den goldenen Strahlen des ersten Tageslichtes erbleicht. Dir gehört der Sieg ohne Kampf, — die Krone ohne Streit.

So dachte St. Clare, als er mit unterschlagenen Armen vor der Hülle seines Kindes stand. Aber, wer will sagen, was er dachte? denn von der Stunde an, daß er Stimmen in dem Sterbezimmer gehört hatte, die da sagten, »sie sei dahin,« war Alles um ihn nur ein dunkler, schwerer Nebel gewesen. Er hatte Stimmen um sich gehört; es waren Fragen an ihn gerichtet und beantwortet worden; man hatte ihn gefragt, wann das Begräbniß stattfinden solle, und wo er wünsche, daß sie beigesetzt werde, und er hatte ungeduldig geantwortet, daß es ihm gleichgültig sei.

Adolph und Rosa hatten die Anordnungen im Zimmer getroffen, welche, obgleich leichtsinnig und kindisch, doch gutherzig und gefühlvoll waren; und während Miß Ophelia die Vorbereitungen im Allgemeinen leitete, waren es ihre Hände, welche ihnen jenen sanfteren, poetischeren Anstrich liehen, der dem Sterbezimmer den abschreckenden, geisterartigen Anschein nimmt, welcher den Leichenbegängnissen in Neu-England so eigentümlich ist. Auch jetzt, während St. Clare sinnend dastand, kam Rosa mit einem Korbe voll weißer Blumen leise in das Zimmer getrippelt. Sie trat zurück, als sie St. Clare gewahrte, und blieb ehrfurchtsvoll stehen; allein, da sie sah, daß er sie nicht bemerkte, kam sie näher, um die Blumen um das todte Kind zu legen. St. Clare sah sie nur wie im Traume, als sie in die kleinen Hände eine schöne Jasminblüthe legte, und mit bewunderungswürdigem Geschmacke die anderen Blumen auf dem Sterbelager ausbreitete.

Die Thür öffnete sich abermals, und Topsy erschien mit dick angeschwollenen, verweinten Augen, Etwas unter ihrer Schürze tragend. Rosa machte gegen sie eine schnelle, zurückweisende Bewegung, aber sie trat dennoch einen Schritt weiter in das Zimmer.

»Du mußt hinausgehen,« sagte Rosa flüsternd in scharfem, entschiedenem Tone; — »Du hast hier Nichts zu thun.«

»O, bitte, laß mich! Ich habe eine Blume, — so eine schöne!« sagte Topsy, eine halb aufgeblühte Theerosenknospe emporhaltend. »Bitte, laß mich sie dahin legen!«

»Geh' hinaus!« sagte Rosa noch bestimmter.

»Laß sie hier!« rief St. Clare plötzlich mit dem Fuße stampfend. »Sie soll herein kommen.«

Rosa zog sich sogleich zurück, und Topsy kam näher und legte ihr Geschenk zu den Füßen des Leichnams; und sodann sich plötzlich mit einem wilden, schmerzlichen Schrei an der Seite des Bettes niederwerfend, begann sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit zu weinen und zu schluchzen.

Miß Ophelia kam in's Zimmer geeilt, und bemühte sich, sie aufzuheben und zu beruhigen, aber vergeblich.