»O meine Eva, deren kurze Stunde so viel Gutes auf Erden wirkte,« dachte St. Clare, »welche Rechenschaft habe ich zu geben von meinen vielen, langen Jahren?«

Eine Zeit lang wurde noch leises Flüstern und Gehen im Zimmer gehört, während Einer nach dem Andern herein schliech, um die Todte zu sehen; dann kam der kleine Sarg, und dann begann das Leichenbegängniß, und Wagen kamen gefahren, und fremde Personen betraten das Zimmer und setzten sich darin nieder; und weiße Bänder wurden gesehen, und Trauerflöre, und Trauernde in schwarzer Kleidung; und dann wurden Worte aus der Bibel gelesen, und Gebete gehalten; und St. Clare lebte, und ging, und bewegte sich wie Jemand, der die letzte Thräne vergossen hat. Endlich sah er nur noch einen Gegenstand, — das goldene Köpfchen im Sarge; aber dann sah er das Leichentuch darüber ausbreiten, und den Sargdeckel schließen, und er schritt an der Seite Andrer, wohin man ihn gestellt hatte, nach einem Platze am Ende des Gartens, und dort, bei dem Moossitze, wo sie und Tom so oft gesessen, und gesungen und gelesen hatten, war das kleine Grab. St. Clare stand neben demselben, — und blickte gedankenlos hinab; er sah den kleinen Sarg hinabsenken: er hörte die feierlichen Worte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe;« und als die Erde hinab geschüttet wurde, und das kleine Grab füllte, konnte er sich nicht denken, daß es Eva sei, die man dort vor seinen Blicken verborgen habe.

Auch war es nicht Eva! — sondern nur der schwache Same jener glänzenden, unsterblichen Gestalt, mit der sie hervortreten wird am Tage unseres Herrn Jesu Christi.

Sodann entfernten sich Alle, und die Trauernden gingen zurück nach dem Orte, an dem sie nicht mehr gesehen werden sollte. Mariens Zimmer war dunkel, und sie selbst lag auf dem Bette, und schluchzte und stöhnte in unmäßigem Schmerze, und verlangte jeden Augenblick nach der Bedienung aller ihrer Dienstboten. Diese, natürlich, hatten keine Zeit zu weinen; — weshalb sollten sie auch? Der Schmerz war ja ihr Schmerz, und sie war völlig überzeugt, daß Niemand auf Erden so empfinden könne oder wolle wie sie.

»St. Clare habe keine Thräne vergossen,« sagte sie; »er habe nicht mit ihr sympathisirt; es sei wirklich ganz unbegreiflich, wie er so hartherzig und gefühllos sein könne, da er doch wissen müsse, was sie leide.«

So sehr sind die Menschen Sklaven ihres Auges und Ohres, daß viele der Dienstboten wirklich glaubten, daß ihre Missis bei diesem Trauerfalle am meisten leide, besonders, als Marie anfing, hysterische Krämpfe zu bekommen, und nach dem Arzte schickte, und sich selbst als dem Tode nahe erklärte. Allein Tom trug in seinem Herzen ein andres Gefühl, welches ihn zu seinem Herrn zog. Er folgte ihm, wohin er auch sinnend und traurig gehen mochte; und wenn er ihn in Eva's Zimmer blaß und schweigend sitzen, und ihre kleine Bibel offen vor sich halten sah, in der er kein Wort und keinen Buchstaben sah, so erkannte Tom in diesem stillen, starren, thränenlosen Auge mehr Schmerz, als in Marien's Stöhnen und Klagen.

Wenige Tage später ging die ganze Familie nach der Stadt zurück, da St. Clare in der Ruhelosigkeit seines Schmerzes nach andern Scenen verlangte, um dem Laufe seiner Gedanken eine andre Richtung zu geben. Sie verließen also das Haus und den Garten mit dem kleinen Grabe, und kamen nach New-Orleans zurück; und St. Clare schritt eilfertig die Straßen auf und ab, und suchte die Leere in seinem Herzen durch eifrige Geschäftigkeit und durch Veränderung des Aufenthaltes auszufüllen; und die Leute, die ihm auf der Straße oder im Caffe begegneten, erkannten seinen Verlust nur durch das Zeichen am Hute, denn er lächelte und unterhielt sich, und las Zeitungen, und disputirte über politische Gegenstände, und widmete sich seinen Geschäften; und wer konnte sehen, daß diese lächelnde Außenseite nur als hohle Schale ein Herz bedeckte, welches ein dunkles, schweigendes Grab war?

»Mr. St. Clare ist ein sonderbarer Mann,« sagte Marie zu Ophelien, in sich beklagendem Tone. »Ich dachte immer, wenn es überhaupt Etwas in der Welt gäbe, was er lieben könne, so sei es unsere theure, kleine Eva gewesen; allein er scheint sie sehr leicht zu vergessen. Ich kann ihn nie dazu bringen, von ihr zu sprechen. Ich dachte wirklich, er würde mehr Gefühl zeigen!«

»Stille Wasser sind tief, pflegt man zu sagen,« entgegnete Miß Ophelia bedeutungsvoll.

»O, ich glaube nicht an solche Dinge; das ist Alles nur Geschwätz. Wer Gefühl hat, wird es zeigen, — und kann nicht anders; aber es ist ein großes Unglück, so viel Gefühl zu haben. Ich wollte lieber, ich wäre wie St. Clare; meine Gefühle nagen an meiner Gesundheit!«