Alle Hoffnungen und jedes Interesse in St. Clares Leben hatten sich ihm unbewußt um dieses Kind gewunden. Für Eva verwaltete er sein Eigenthum; mit Rücksicht auf Eva hatte er die Eintheilung seiner Zeit getroffen; und dies oder das für Eva zu thun, — zu kaufen, zu verbessern, zu verändern und anzuordnen, — war seit so langer Zeit seine Gewohnheit gewesen, daß es ihm jetzt, wo sie nicht mehr da war, schien, als habe er an nichts mehr zu denken, nichts mehr zu thun.
Zwar gab es noch ein anderes Leben, — ein Leben, das, wenn einmal daran geglaubt wird, als eine so heilige, bedeutungsvolle Ziffer vor den sonst so bedeutungslosen Zahlen der Zeit steht, daß sie einen geheimnißvollen, unaussprechlichen Werth dadurch empfangen. St. Clare wußte dies, und glaubte in mancher müden Stunde die zarte, kindliche Stimme zu hören, wie sie ihn zu sich rief, und die kleine Hand zu sehen, wie sie ihm den Lebensweg vorzeichnete; aber es lag ein schwerer, lethargischer Schmerz auf ihm, er konnte sich nicht erheben. St. Clare hatte nie versucht, sich durch religiöse Vorschriften leiten zu lassen, denn eine gewisse Feinheit seiner Natur hat ihm einen Blick in die weite Ausdehnung der Erfordernisse des Christenthums gegeben, so daß er im Voraus davor zurückbebte. So inconsequent ist die menschliche Natur, besonders im Gebiete des Geistigen, daß es ihr besser erscheint, ein Unternehmen überhaupt gar nicht zu beginnen, als darin nicht ganz erfolgreich zu sein.
Dennoch war St. Clare in mancher Beziehung ein andrer Mensch geworden. Er las in der Bibel seiner kleinen Eva ernstlich und aufrichtig; er dachte mehr und reichlicher über das Verhalten gegen seine Dienstboten nach, — eine Betrachtung, die ihn im höchsten Grade unzufrieden mit seiner bisherigen und gegenwärtigen Verfahrungsweise machte; und er that, gleich nach seiner Rückkehr nach New-Orleans, die nöthigen Schritte, um Tom's Freilassung zu bewirken, welche erfolgen sollte, sobald den nöthigen Formalitäten genügt worden war. Inzwischen schloß er sich jeden Tag mehr und mehr an Tom an. Nichts in der Welt schien ihn so sehr an Eva zu erinnern wie Tom; und so verschlossen und unzugänglich er sonst mit seinen tieferen Gefühlen war, so legte er sich in Tom's Gegenwart so wenig Zwang an, daß er beinahe laut dachte. Auch würde sich Niemand darüber gewundert haben, der den Ausdruck von Liebe und Ergebenheit sah, mit dem Tom seinem jungen Herrn überall folgte.
»Nun, Tom,« sagte St. Clare am Tage, an welchem die gesetzlichen Förmlichkeiten seiner Freilassung begonnen hatten, — »ich will Dich jetzt zu einem freien Menschen machen; — Du kannst also nur Deinen Koffer packen, und Dich zur Abreise nach Kentucky vorbereiten.«
Die plötzliche Freude, die in Tom's Gesicht aufleuchtete, während er seine Hände erhob, und sein Ausruf: »Gesegnet sei der Herr!« kränkten St. Clare gewissermaßen. Es gefiel ihm nicht, daß Tom so bereitwillig war, ihn zu verlassen.
»Du hast doch so sehr schlimme Zeit hier nicht gehabt, daß Du in solches Entzücken darüber gerathen mußt, Tom,« sagte er trocken.
»Nein, nein, Master!, das ist es nicht, — es ist ›ein freier Mensch sein.‹ Darüber freue ich mich.«
»Wie, Tom, glaubst Du nicht, daß Du, was Dich allein betrifft, es hier besser gehabt hast, als wenn Du frei gewesen wärest?«
»Nein, Master St. Clare,« sagte Tom mit aufloderndem Enthusiasmus, — »nein, o nein!«