»Tom, Du scheinst anzunehmen, daß der Herr ein großes Wirken für sich nöthig habe,« sagte St. Clare lächelnd.
»Wir wirken für den Herrn, während er für seine Geschöpfe wirkt,« sagte Tom.
»Eine gute Theologie, Tom, besser als die, welche Dr. B.... predigt, — ich möchte darauf schwören,« entgegnete St. Clare.
Die Unterhaltung wurde hier durch Besuch, welcher sich anmelden ließ, unterbrochen.
Marie St. Clare empfand Eva's Verlust so tief, wie sie überhaupt etwas empfinden konnte; und da sie eine Frau war, die es verstand, Jedermann unglücklich zu machen, wenn sie es selbst war, so hatte ihre unmittelbare Umgebung noch besondere Gründe, den Verlust ihrer jungen Mistreß zu betrauern, deren sanfte Fürsprache so oft für sie ein Schild gegen die Tyrannei und den selbstsüchtigen Druck ihrer Mutter gewesen war. Besonders herzbrechend war der Schmerz der armen, alten Mammy, deren natürliche, häusliche Bande sämmtlich gelöst waren, und die in jenem liebenswürdigen Wesen ihren einzigen Trost gefunden hatte. Sie weinte Tag und Nacht, und war durch ihren übermäßigen Kummer weniger geschickt und gewandt in ihren Verrichtungen für die Person ihrer Mistreß, was einen fortwährenden Sturm von Schmähungen auf ihr schutzloses Haupt herab rief.
Miß Ophelia fühlte den Verlust; aber in ihrem guten, braven Herzen trug er Früchte des ewigen Lebens. Sie wurde gemäßigter, sanfter in ihrem Wesen, und obgleich eben so emsig und eifrig in ihren Pflichten wie früher, zeigte sie doch eine demüthigere, ruhigere Miene, wie Jemand, der nicht vergeblich mit seinem Herzen Rath gepflogen hatte. Sie verwendete noch mehr Fleiß auf den Unterricht Topsy's, — lehrte ihr aus der Bibel, — scheute sich nicht mehr vor ihrer Berührung und verrieth keinen Widerwillen mehr gegen sie, denn sie empfand keinen. Sie betrachtete sie jetzt durch das sanftere Medium, welches Eva zuerst ihren Augen vorgehalten hatte, und sah in ihr nur ein unsterbliches Wesen, welches Gott gesendet hatte, um durch sie zur Herrlichkeit und zur Tugend geführt zu werden. Topsy wurde nicht auf einmal eine Heilige; aber das Leben und der Tod Eva's hatten eine merkliche Veränderung in ihr bewirkt. Jene verhärtete Gleichgültigkeit war verschwunden, und an ihrer Stelle zeigten sich jetzt Empfänglichkeit, Hoffnung, Verlangen und Streben nach dem Guten, — ein unregelmäßiges und oft unterbrochenes, aber stets wieder erneuertes Streben.
Eines Tages, als Topsy von Miß Ophelien gerufen worden war, kam sie herbei, während sie eiligst etwas in ihren Busen steckte.
»Was machst Du da, Du unnützes Ding? Du hast gewiß etwas gestohlen,« sagte die herrschsüchtige, kleine Rosa, welche abgesendet worden war, um sie zu holen, während sie sie zugleich heftig beim Arm ergriff.
»Laß mich gehen, Rosa!« sagte Topsy, sich von ihr losreißend; »'s geht Dich gar nichts an!«
»Keine Ungezogenheit!« sagte Rosa. »Ich hab's gesehen, daß Du 'was versteckt hast, — ich kenne Deine Streiche!« Und mit diesen Worten ergriff sie ihren Arm von Neuem und versuchte ihre Hand in Topsy's Busen zu zwängen, während Topsy wüthend um sich stieß, und für das, was sie als ihr Recht ansah, tapfer focht. Das Geschrei und der Lärm des Kampfes zogen Miß Ophelien und St. Clare zur Stelle.