„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit. „Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend erscheinen.

„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“

Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete Hausgenossin an.

„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst, wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr! Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches. Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die Mutter, die ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“

Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt. Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht oft bei ihr sein kann.

In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole, die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge nicht weh. Es ist unsäglich behaglich — es ist treu und gut in diesem Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden.

Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt, daß sie auch Mirza gern dulden wird.

Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht vorzubereiten.

Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man fühlt das und ist glücklich und dankbar.