‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also, wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig — mach’ Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend Mütter es jetzt tun.‘

Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön und gut, daß du hier bist!‘

Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in der Mutter Gesicht.

Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten Abend. Arm in Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen Gartenanlagen herüberströmt.

Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß, nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd, und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben.

Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein glückliches Paar.

Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer. Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit.

Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er Abend für Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat.

Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude.

Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache, aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen. Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften Sichgehenlassen bei der Mutter.