Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei.

Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte.

Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig, wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht, die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her, immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder.

Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes, unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst gerungen. Aber ihr Leben ist einsam.

Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt sich eng in den Arm ihres Jungen — sie sucht Schutz und Halt bei ihm.

Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen sagen: „Ich verstehe dich — ich weiß alles, aber ich kann dir nicht helfen!“

Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt, er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.

Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln. Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er sich mit seiner Sehnsucht plagt?