Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten; er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig.
Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch, und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘
In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt.
Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben niederstechen.
Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht. Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk.
„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie verzerrt.
Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens.
„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach einer kleinen Weile atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist schon verraucht — nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen. Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen fressen. Die Mutter erschrickt.
Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird.
In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat, das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater geerbt hätte.