Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt: „Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht! Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche biete.‘ Und wenn man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein, bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“

Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt etwas, was ihn quälte, übertönen.

„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“

Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt.

Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast willenlos, geht sie an seinem Arm dahin — und der kleine Husar kommt weiter ins Philosophieren hinein.

„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich! Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“

Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller beschleunigt die Schritte.

„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich mich, sondern darüber, daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“

„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen sind!“