Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück. Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu.
Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn, was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür hinter sich zufliegen.
Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt. Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist.
Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein, Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen, das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell und geht mit Fräulein Else in die Küche.
Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die Wachtmeisterswitwe durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen.
Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück.
Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die Glut der verglimmenden Kohlen.
Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich zugetragen haben muß.
Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller. Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie alte, gute Bekannte.
Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit da, gnädige Frau. Der Trompeter von oben ist tot. Und nicht mal richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“