Die Frau sieht sie groß an. „Nein — die ist nicht verlobt. Es ist der Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand paßt!“

Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über Tisch und Boden.

Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle Straße hinunter.

„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“

„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster und blickt zur Kaserne.


All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen — September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des furchtbaren Krieges vergangen.

Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren, sind groß geworden in dieser kurzen Zeit.

Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande gezogen.

Viel Blut ist geflossen — viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die Sonne hat dazu geleuchtet — warme Lüfte haben geweht, und die Abende sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau und düster über der Erde liegt?