Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt. Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel; die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer. Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können.
Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen.
Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter, die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der Straße trennt, blicken.
In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung, Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst, der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber.
Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne, altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche, die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz. Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend.
Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der heutigen Feier hätte.
Neben ihr sitzt eine andere Mutter — auch aus Berlin — auch hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu sprechen.
Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger, niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen — kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz, das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die das Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis versinken muß?
Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen! Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des Leidens gemeinsam zurückgelegt war.