„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“
Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und Stärke fordert.
Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum. Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind war wie eine Melodie, die sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen, rauschenderen Klängen, aber nie verstummt!
Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern; dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen! Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd.
Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen blicken starr und still vor sich hin. —
Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken setzen ein — mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt.
Schritte hallen draußen im Vorraum — eine Bewegung — ein Rauschen. Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um dessentwillen er hierherkam, sehen.
Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus, die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede duldet.
Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und an der Haltung des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den anderen.
Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein.