„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“

Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur ab.

Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie — die Eidfinger erhoben — nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres Lied zusammen.

Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben.

Warum weinen da so viele von den Frauen, die in den Seitenschiffen sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der großen Zeit würdig erweisen?

Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare, überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer: der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt, hinauszieht — oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten muß.

„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen vorsagt. Die Orgel spielt — der Regen peitscht gegen die Fenster — der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“

Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter.

Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen Augenblicken genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt, aber es tut wohl.