Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er ihn, wie er ist.
Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen Freunden auserkoren.
Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen, wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm.
Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann.
Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich liebgewonnen. Er hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm Zucker.
Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘ läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte.
Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest krepiert!“
Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken, und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt aber ruhig in seiner Beschäftigung fort.
Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die nasse Schnauze streift Hillers Wange, und ihm bricht der Schweiß aus. Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte...
Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt.