Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es. Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft.

Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich. Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten, wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger.

„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt er den Huf auf die Erde aufschlagen.

„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen Stalluft ins Freie, eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken. Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen können.

Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit ihm.

„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen: Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da überhaupt raufgekommen?“

Hillers Augen strahlen den Arzt an.

„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht.

„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie auf jeden Bock hinaufkönnen!“

Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder in ihm geweckt. Er begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte, kommt er auf das Leid der Menschheit zurück — auf diesen entsetzlichen Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird?