Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“

Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne.

„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen Karten um Geld spielen.

Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen, und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie — schrecklich für das musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach; das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen. Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen. Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“ Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden leerer. Die Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren traktieren. Die Köpfe sind rot — Witze werden erzählt; die Luft in der kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich erlöschen.

Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf.

Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde. Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend treten sie in die Nachtluft hinaus.

Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel — pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat, haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel — pfui Teufel!‘ Hier in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen, und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab. „Katzenjammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste Esel, den ich je gesehen habe!“

Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich ablohnen und überreichen die Lanzen.

Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten. Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum Stalldienst zur Stelle.