Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren! Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf eurer nicht!‘
Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel herab: Geduld — Geduld und wieder Geduld. — —
Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb Monaten, als er begann — mitten im Sommer, damals, als es so toll und rasend schnell ging —, da war der Krieg ein einziger Jubel — ein einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt und rauh werden — nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum schlägt man sich nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben?
In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein Geheimnis — aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher; Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind, erzittern.
Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß! Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl doch nur ein Märchen — und die Herzen beruhigen sich wieder.
Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist. Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und abwechslungsreicher hat.
Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht — sogar sehr recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr. Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht.
In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen. Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden. Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden aus dem armen, bangen Herzen.
Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da, und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als gebraucht werden können.