Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was jetzt alle Welt tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die, die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die Kinderjahre denken müssen — an die tote Mutter und das ganze, längst versunkene Jugendland.

So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist, begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte. Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich — unfaßbar! Das Kreuz, das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht.

Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung. Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge, lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend vor dem Alter zu Grabe getragen wird.

In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein Mensch ahnt, was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen zurücklegt.

Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie. Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist, sie hat echtes Gefühl.

Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom Scheiden und Sterben und Verlassensein.

Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem Gesang.

Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen.

Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf. Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herabzulassen, wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen, was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs Vaterland — ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um dasselbe.

Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘ bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die, bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann.