Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein wenig näherzurücken.
Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen; wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird, wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist!
Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt — genau wie in Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber man möchte mehr tun!
Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen?
Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung warten! Aber hier, im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das gute Heim gefunden hat.
Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei: An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei; aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird, leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter.
Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es geboren war!‘ —
Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen. Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen, ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste, die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und morgen in die tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die, der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird.
Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl, das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist.