Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll.
Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt!
Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen, daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu überbringen?
Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘?
Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist Krieg — ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten die richtigen Worte finden.
Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden; doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen. Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum und macht keine Miene, zu gehen.
Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen. Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas Erschütterndes, wie sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu schweigen.
Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich fragend an.
Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt, sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große, ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund.