Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten, bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige Glück sieht.

Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei diese Frau ihre Schwester, als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden.

Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über. Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht.

„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt, dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören.

„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen und höre ihn stöhnen!“

Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers Händen.

„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus deren Mund.

Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele dasselbe zu leiden haben.

Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht mehr beten — ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand, und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende — auch mit dem armen Wurm da!“