Wie sie das vor sich hinspricht — ohne Bewegung im Gesicht — ohne Ton in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird. Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem ihren berührt.

„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt.

Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr. Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr des Glückes — dann aus!

Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt ihre Hand in Frau Hillers Händen.

Still ist’s um die beiden — fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum tönt das Ticken einer Uhr.

Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen, die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird, reißt schlimmere Wunden bei denen, die zurückblieben, die sich im Alltag weiterschlagen müssen!

Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich.

Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige Atemzüge — ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft.

Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett. Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf.

Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut werden. Der Mensch kann alles aushalten — nur Ungewißheit nicht!“