Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und will mit der Mutter zu Nacht essen.

Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens, daß die Sache in Gang gebracht wird — daß man in absehbarer Zeit hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland, und bei den anderen Regimentern haben die Freiwilligen schon große Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben.


Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben.

Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe!

Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln, bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches! Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt!

Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden — keiner irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die Sache nicht glatt von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen.

Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren. In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! — die die Russen kommen!! — jedes Kind weiß es.

Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht; Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort. Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist.

Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz des ganzen deutschen Vaterlandes hinein.