Herr Hieronymus war ein schlankes, kleines Männchen mit eisgrauem Bart. Er kam als erster, und der Tisch war noch nicht abgeräumt. „Das nenne ich pünktlich!“ sagte die Großmutter und stellte ihre Schwiegertochter vor.
„Große Freude, gnädige Frau! Hab’ schon oft von Ihnen gehört, die Frau Schwiegermutter spricht mit Vorliebe von Ihnen und dem famosen Jungen. War leider zwei Jahre abwesend, sonst würde ich wohl schon früher das Vergnügen gehabt haben, Sie zu sehen!“
Er hielt Marias Hand fest und sah ihr in die Augen.
„Nun erzählen Sie aber auch gleich, teurer Herr Hieronymus, daß ich immer nur das Beste von meiner Maria rede!“
„Es wäre eine Kränkung, das besonders zu versichern,“ sagte das kleine Männlein, und bevor die Müller noch mit dem Abräumen fertig war, tat sich die Tür zum zweitenmale auf, und der behäbige Herr Rat Mertens trat ein. Den kannte Maria schon und gab ihm die Hand, die der Rat an seine Lippen zog.
„Im Frühjahr sahen Sie blühender aus, liebe Frau Maria. Da sehen Sie geradezu beneidenswert gut aus. Jetzt sieht man Ihnen an, daß Sie gelitten haben! Schwere Zeiten, furchtbare Zeiten, die Gott uns gesandt hat. Heute reichen wir uns noch in Geborgenheit die Hand; wer aber weiß, wie nahe die Stunde bevorsteht, in der es auch für uns heißt: Verlaßt eure Heimat, flieht oder sterbt!“
„Na, na,“ sagte die Großmutter ärgerlich; und dann ließ die Müller den dritten Gast eintreten, den Hauptmann Prell, den Maria noch nicht im Hause ihrer Schwiegereltern gesehen hatte. Er kam langsam näher und schleppte den linken Fuß nach. Fein und leidend waren die Züge seines Gesichtes, die Augen in die Ferne blickend, so wie Menschen, die viel denken und grübeln, zu blicken pflegen. Ihm kam die Großmutter liebenswürdiger als den anderen Gästen entgegen. Sie hielt die Schwiegertochter im Arm und begann herzlich: „Hier ist meine Maria, Herr Hauptmann; wir haben ja neulich einen geschlagenen Nachmittag von ihr und ihrem Jungen gesprochen!“
Der Hauptmann beugte sich über die dargereichte Hand. „Ich bin sehr glücklich, gnädige Frau, Sie zu sehen. Ich bin wirklich sehr erfreut!“ wiederholte er, als die Großmutter sich zu den anderen Gästen wandte, und zog nun auch die andere Hand an die Lippen.
„Sie haben Ihren Jungen hergegeben — Ihren Einzigen?“ fragte er, „aber Sie haben es gern getan, nicht wahr?“