„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man will und will nicht; es ist ein schreckliches Chaos im Kopf und Herzen.“

„Also wo wünschen die Herren zu sitzen?“ rief die Großmutter. „Hier im Eßzimmer haben wir den Vorteil, alle zusammen am Tisch sitzen zu können. Gehen wir ins sogenannte Herrenzimmer, müssen sich die Parteien teilen.“

Der Großvater aber stimmte fürs Herrenzimmer, und die Müller erhielt einen Wink, Gläser und Flaschen dahin zu bringen.

Hieronymus reichte der Großmutter den Arm, Rat Mertens sprach mit lauter Stimme auf Großvater ein und Prell ging neben Maria her.

Der behäbige Rat blieb unter dem Kronleuchter stehen und sprach nun nicht mehr zu Großvater allein, sondern so, als habe er irgendein unbekanntes Publikum vor sich.

„Unsagbar schwere Zeiten hat Gott über unser armes, tapferes Vaterland verhängt!“ rief er aus. „Gott ist allmächtig und allgütig und vor allem: Gott ist gerecht! Das muß man sich in dieser Zeit immer wieder sagen, denn sonst könnte man der Verzweiflung, die einem beim Lesen der furchtbaren Geschehnisse ergreift, nicht Herr werden! Ich nehme an, Gott will den Frevel und den Hochmut derer, die uns hassen, strafen. Wir sind das Werkzeug dazu, und wir dürfen nicht murren. Ja, wir müssen uns zum Gottesglauben zwingen! Das ist nicht ganz leicht in diesen Zeiten, in denen der, der über uns allen waltet, so Grauenhaftes geschehen läßt. Jammer, Jammer, Jammer! Wo ist ein Herz, das nicht von Gram verzehrt wurde? Wo ist der Mann, die Frau, die nicht täglich von neuem um ihr bißchen Lebensmut kämpfen muß? Wäre es uns nicht allen wohler, wenn wir uns jetzt zu einem Schlaf niederlegen könnten, aus dem es kein Erwachen mehr gibt?“

„Oho,“ sagte Großmutter, „das wäre ja wirklich sehr deutsch gehandelt. Nein, lieber Rat, nun erst recht nicht! Und wenn der Krieg zehn Jahre dauern würde, und wenn ich mit Krankheit geschlagen würde, ich möchte das Ende abwarten! Jetzt einschlafen, nein, das paßte mir nicht!“

„Sie haben diese wundervoll starken Nerven, gnädige Frau,“ entgegnete der Rat. „Aber nicht ein jeder hat die Kraft, so zu denken wie Sie. Unsere lieben Damen verfügen ja auch im allgemeinen über mehr Optimismus und Naivität als der denkende Mann.“

Großmutter räusperte sich.

„Das sind schöne weibliche Eigenschaften!“ fuhr der Rat fort, „und kraft dieser Eigenschaften bleibt es ihnen erspart, den grauenhaften Ernst der gegenwärtigen Zeit in seinem vollsten Umfang zu erfassen.“